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Pfotenwege #3 - Vor-Urteile

  • Autorenbild: Sarah
    Sarah
  • 14. Juni
  • 6 Min. Lesezeit

Warum wir öfter hinter die Fassade schauen sollten. Oder alternativ - gar nichts sagen sollten.


Ein Moment - aber nicht die ganze Geschichte!


Wie oft begegnen wir Menschen, Hunden oder Situationen und glauben sofort zu wissen, was das Problem ist und was dahinter steckt?


  • Ein Hund bellt an der Leine.

  • Eine Familie besitzt einen Mops oder eine Französische Bulldogge.

  • Ein Mensch lebt allein.

  • Eine Familie hat keine Kinder.

  • Ein Hund trägt eine Brille (ja eine Brille).


Und schon entsteht in UNSEREN Köpfen die passende Story herum. Problematisch wird die Geschichte dann, wenn wir sie für die Wahrheit halten und dann andere ver-urteilen. Oder vor-ver-urteilen. Be-vor (!) wir überhaupt die Fakten und das Leben dahinter kennen.


Viele Konflikte würden nicht entstehen, wenn wir zunächst Fragen stellen statt direkt zu urteilen.


Hunde und andere Kleintiere: Das Thema mit den Qualzuchten


Es ist ein hoch emotionales Thema. Seit meiner Ausbildung mittlerweile auch für mich. Vieles ist bereits gut dokumentiert und es wird im Social Media aufgeklärt, dennoch habe auch ich erst die Tragweite der Probleme mit der Ausbildung erkannt. Und das Gesamtbild dahinter wird immer deutlicher. Kindchenschema, Werbung mit Moderassen, Falschaussagen, Welpenhändler, Zucht, ... puh!


Es braucht dringend, dringend mehr Aufklärung und bessere Gesetze und politischen Willen, Tiere besser zu schützen. Verbote in Werbungen usw.


Wir kennen die Geschichte NICHT hinter jedem Hund, der bei den Menschen lebt.


Menschen haben sich Hunde gekauft und haben es einfach nicht besser gewusst! JA, manchmal wissen wir es einfach nicht besser. Keiner geht raus und sagt - "Die Hüft-OP oder der vorprogrammierte Bandscheibenvorfall, der ist nicht wild. Die 8000 € sind auch kein Thema."


Andere Menschen haben sich auf Aussagen von Züchtern verlassen.


"Der Hund hat einen geraden Rücken." "Hier haben sie den Gesundheitspass." "Die Nase ist lang genug." "Die Hüfte ist normal."


Wiederum andere geben kranken Tieren aller Art aus dem Tierschutz ein 2. Leben. Oder aus schlechter Haltung. Die Liste ist auch hier wieder lang.


Natürlich gibt es auch Menschen, die trotz vorhandenen Wissens losziehen, unseriöse Händler und Vermehrer weiterhin unterstützen. Oder: "Naja, die Rasse ist doch aber so süß, wir holen uns wieder eine vom Züchter xy ." Diese Menschen tragen zur Aufrechterhaltung des Tierleids bei. Und das - und nur solche Sachen - kann man wirklich verurteilen! Diese Menschen haben nichts verstanden.


Nur wer versteht, kann zukünftig andere Entscheidungen treffen.


Aufklärung ist wirksamer als Verurteilung, deswegen brauchen wir davon mehr.


Hundeverhalten


Ein Hund bellt, knurrt oder zieht wild an der Leine. Und in weniger als 2 Sekunden sind die meisten Menschen schon mit Stempeln versehen.


Verhalten entsteht nicht aus dem Nichts. Und wir wissen auch hierbei nicht, warum das so ist.


  • Hat der Hund schlechte Erfahrungen gemacht?

  • Hat der Hund Schmerzen?

  • Kommt er aus schwierigen Verhältnissen oder aus dem Tierschutz?

  • Vielleicht trainieren die Menschen schon lange an den Problematiken.


Deshalb lohnt es sich auch hier, Mitgefühl zu zeigen anstatt im schlimmsten Fall die Menschen auf offener Straße zu kritisieren.


Auch hier gibt es selbstverständlich wieder die andere Seite, die ich nicht gut finde: Natürlich gibt es Menschen, die vermutlich denken, Hunde sind eher wie Plüschtiere als echte Lebewesen. Keine Hundeschule, kein Wissen darüber, was das Tier überhaupt für Bedürfnisse hat. Keine Ahnung darüber, wann das Tier Schmerzen haben könnte. Das ist auch kaum noch mit anzusehen. Das fängt bei der Anschaffung an, geht im Aufwachsen weiter und reicht in die gesundlichen Aspekte rein. Manchmal wünschte ich mir einen Rettungstrupp für Tiere.


Krankheiten


Wie schnell Menschen urteilen, zeigte mir die 3 monatige Augenverletzung meines Hundes. Weil er sie sehr gut tolerierte, trug er die vielen Wochen eine Schutzbrille beim Spazieren.


Menschen machten sich lustig oder fragten spöttisch, ob das mit der Sonnenbrille wirklich sein muss. Nur wenige Menschen zeigten echtes Interesse und fragten einfach: "Warum trägt Ihr Hund diese Brille?"


Sobald ich erklärte, dass mein Hund aufgrund einer schweren Augenverletzung die Brille trägt, gut toleriert und sie die Augen schützt, ändert sich sofort alles. Plötzlich waren die Menschen betroffen, wurden still und verstanden dann endlich.


Die Situation war auf einmal komplett anders, oder? War sie nicht die selbe, nur mit Kontext? Hintergründe!


Seid vorsichtig, Situationen offensiv zu bewerten. Seid offen und fragt höflich und interessiert nach.


Listenhunde


Ein Herzensthema von mir. Und das schon seit Teenager-Zeit.


Ich lebe in Sachsen und hier zählt mein Hund nicht als Listenhund. In Bayern hingegen schon. Immer wenn wir die Grenze überfahren, merke ich das auch - da wird der Kleine richtig kampfdurstig und bekommt richtig rote Augen. Aber nur bei Grenzüberschreitung. ;-)


Das ist alles so absurd. Und auch hier wieder - die Medien tun ihr übriges dazu. So wie mit Qualzuchten Werbung gemacht wird, so wird jeder Beißvorfall mit einem Listenhund ausgeschlachtet oder noch besser: Labrador beißt Person ins Bein und auf dem Foto ist aber ein Listenhund abgebildet. Krass, oder?


Hervorheben möchte ich hierbei auch, dass viele Hunde als Statussymbol missbraucht werden und kein schönes Leben haben.


Ich habe so viele unterschiedliche Listenhunde Rassen kennengelernt, bin mit 16 mit einem American Staffordshire Terrier durch die Straßen spaziert und war glaub ich die stolzeste Hundeführerin überhaupt. Ich hatte damals gar keine Ahnung, aber dieser Hund war einfach toll. Bestens sozialisiert und erzogen durch seine Halter. Und da ist es, auf was es ankommt.


Menschen wechseln aufgrund der Medien damals (und ab und an heute noch) die Straßenseite und halten Abstand. Können sie. Denn: Es gibt auch Menschen, die haben einfach Angst. Und Hunde müssen andererseits auch nicht immer konfrontiert werden mit Begegnungen aller Art. Aber ausgesprochene Vorurteile finde ich selten besonders witzig. Ohne meinen Hund zu kennen. Zum Glück ist das in den vergangenen 9 Jahren nur wenige Male Thema gewesen. Er bekommt im Gegenteil immer sehr großen Zuspruch. Wir waren in der Welpenschule, Junghundeschule und hatten einen ganz tollen Hundetrainer, der uns bestens gelehrt hat, nicht nur Sitz und Platz zu lernen, sondern eine echte Beziehung zu unserem Hund aufzubauen. Er hat uns gelehrt, was im Alltag alles wichtig ist und immer wieder gezeigt, dass es sich um Lebewesen handelt.


LEBEWESEN. Keine Maschinen.


Eine Geschichte aus meinen Leben mit Tayo:

Eine ehemalige, ältere Nachbarin erzählte mir, sie sei als Kind von einem Hund gebissen und habe seither ihr Leben lang Angst. Bis sie meinen Hund kennenlernte. Mit der Zeit entstand eine ganz besondere Freundschaft und mein Hund (und ich) freute sich über Leckerchen und Begegnungen. Irgendwann sagte sie zu mir, Tayo ist der erste Hund, den sie wirklich streicheln kann und echt liebgewonnen hat. Mit über 80. Das berührt mich heute noch sehr.


Vorurteile haben nichts mit der Realität zu tun.


Menschen und ihre Lebensweisen


Vorurteile begegnen uns nicht nur in der Hundewelt, sondern überall. Menschen selbst werden ständig bewertet.


  • Der Mensch wohnt allein.

  • "In deinem Alter willst du wohl nicht langsam an Kinder denken?!"

  • "Du gehst nicht mit feiern. Du musst unter Menschen."

  • "Die geht nur mit ihren Hund raus."


"Das muss an xy liegen."

Oft entstehen daraus ebenfalls Geschichten, die NICHTS mit der betroffenen Person zu tun haben. Sondern eher mit der urteilenden Person.


Jeder Mensch geht einen anderen Weg, hat einen anderen Alltag, vielleicht gesundheitliche Themen, andere Werte und Erfahrungen. Und du weißt nie, was für Herausforderungen jeder Mensch mit sich trägt.


Nur weil jemand andere Wege einschlägt, seinen Alltag anders gestaltet und einfach anders ist als man selbst, ist das noch lange nicht falsch oder zu verurteilen.


Social Media


Noch nie war es so einfach, Menschen zu verurteilen. Aufgrund von Momentaufnahmen. Weniger schnelle Kommentare und einmal mehr nachgedacht und nachgefragt - Das würde wieder mehr Menschlichkeit in unsere Welt bringen. Wenn es bzgl. der Bekanntheit für mich nicht so wichtig wäre, würde ich mittlerweile alles im Social Media löschen.


Andererseits finde ich es richtig toll, wenn Menschen mir berichten, dass sie durch den ein oder anderen Post von mir einen AHA-Moment hatten.


Fazit: Mehr Fragen, weniger Vorurteile


Egal um welches Thema es geht, eines haben alle Beispiele zusammen:


Wir sehen nur einen kleinen Ausschnitt, niemals nie die Geschichte dahinter.


In der Hundewelt wünsche ich mir mehr Wissen über Gesundheit, Verhalten und verantwortungsvolle Haltung. Und viele Menschen hinter bestimmten Hunden brauchen mehr Mitgefühl. Sie tragen ihre eigenen Geschichten, Erfahrungen und Herausforderungen. Nicht alle, aber ich kenne sehr viele. Und um die geht es in diesem Artikel. Und um die Hunde, die bei der anderen Sorte von Menschen leben. Die Tiere können nichts dafür. Und deshalb lohnt es sich immer, dies Stimme für die Tiere zu erheben. Durch Fragen und Aufklärung. Sie brauchen uns.


Fragt euch immer:


Kenne ich wirklich die ganze Geschichte dahinter?

(Das gilt oftmals sogar in den eigenen Familien oder Freundschaften,

da auch dort gewisse Puzzlestücke verborgen sind.)


In den meisten Fällen lautet die Antwort: NEIN.


Und da beginnt Verständnis.

Mit einer Frage, nicht mit einer vorgefertigten Meinung.





 
 
 

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